Handlungsraum Bibliodrama

Der Begriff
Bibliodrama ist in der christlichen Religionsgeschichte nichts völlig Neues. Jahrhundertelang war etwa das Darstellen biblischer Szenarien eine weitverbreitete liturgische Gewohnheit. Nach langem und weitgehenden Abbruch der Tradition des Bibelspiels, der im Katholizimus u.a. durch die Einflüsse des Rationalismus gefördert wurde und im Protestanismus durch die Worttheologie und Bilderfeindlichkeit, wurde dieses wieder neu entdeckt. Die Neuentdeckung erfolgte durch verschiedene Entwicklungen seit den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts: die Erkenntnisse der Humanistischen Wissenschaften, speziell der Humanistischen Psychologien; das II.Vatikanum mit seiner Betonung der biblischen Volk-Gottes- Theologie und nicht zuletzt die zunehmende Sehnsucht nach unmittelbaren religiösen (Selbst-)Erfahrungen in den westlichen Gesellschaften.

Die Erweiterung der Zugangsmöglichkeiten zu textlichen Wirklichkeiten der biblischen Schriften im Zusammenhang mit der eigenen (spielerischen) Selbsterfahrung führte zur Begriffsbildung „Bibliodrama“. An den therapeutischen Fachbegriff „Psychodrama“ angelehnt, hat sich der Begriff mittlerweile als Fachausdruck in der Praktischen Theologie, Pastoralpsychologie und Religionspädagogik weitgehend durchgesetzt, und meint das In-Handlung- , In-Szene- setzen biblischer Texte. Als auf das Religiöse gerichtete Psychodrama wird das Bibliodrama seit den Anfängen in der Psychodrama-Bewegung bezeichnet.  Das Psychodrama war immer religiös. Bibliodrama ist als eine auf das Religiöse gerichtetete Form des Psychodramas entwickelt worden.

Das Szenische Spiel als Medium der Begegnung
Erfassen lässt sich Bibliodrama eigentlich nur mitspielend, handelnd und reflektierend, um dann die Wirksamkeit, die Möglichkeiten und die Grenzen zu messen. Bibliodrama ist zunächst kein System, keine Schule, und es lässt sich keiner psychologischen oder theologischen Richtung eindeutig zuordnen. Wer spielt, versetzt sich aktiv hinein in andere Personen und Wirklichkeiten. Wer spielt, verlässt seinen Ort im Alltagsleben und geht das Risiko der Erfahrung der Erweiterung des Rollenrepertoires ein. Wer spielt, erweitert unter Umständen per Identifikation mit einer fremden Textgestalt oder per Projektion sein eigenes Ich, seine Handlungs- Erlebens- und Wahrnehmungsmöglichkeiten.
Das Bibliodrama gibt es daher nicht. Sowohl in der Praxis als auch in der Literatur lassen sich eine Fülle von Ansätzen und Vorgehensweisen feststellen. Diese sind jeweils definiert von der Qualifikation, der Persönlichkeit, dem religiösen Interesse und der (theologischen) Position des Bibliodramaleitenden, dem jeweiligen institutionell-kulturellen Hintergrund und der spielenden Gruppe und deren Hintergründen.
Allen Ansätzen gemeinsam ist das szenische Spiel als Medium der Begegnung zwischen Personen und den biblischen Texturen. Bibelauslegung, Selbsterfahrung und Gruppengeschehen werden als Grössen, die es zu integrieren gilt, angestrebt. Einerseits soll die Neubegegnung mit biblischen Gestalten und Geschichten ein neues Textverstehen ermöglichen, andererseits sollen die Spielenden über die Identifikation und die Rollenübernahme im Erleben biblischer Situationen in der Interaktion neue Erfahrungen mit sich, den anderen und Gott machen. Auf der Basis der Gemeinsamkeiten ist die Praxis der bibliodramatischen Arbeit von sehr unterschiedlichen Intentionen, inhaltlichen Schwerpunkten und dementsprechend auch methodischen Vorgehensweisen bestimmt. Gegenwärtig lassen sich im deutschsprachigen Raum folgende Spielarten des Bibliodramas ausmachen:

  • die stärker spielpädagogisch orientierten Ansätze,
  • die Kombinationen von Bibliodrama und Theater,
  • das Zusammenspiel von Psychodrama und Bibliodrama und die
  • mystagogisch und spirituelle Arbeit mit bibliodramatischen Mitteln.

Das Ineinander der Texturen
Für die bibliodramatischen Spiele kommen prinzipiell alle biblischen Stoffe in Frage. Bevorzugt werden jedoch biblische Texte, die mit Handlung gefüllt sind und auf diese Weise schon eine szenische Struktur anbieten. Dabei handelt es sich vorwiegend um erzählende Stoffe (z.B. Biografische Erzählungen, historische Berichte, Gleichnisse etc.), aber auch in der Aktion wiederholbare Riten lassen sich hier nennen. Der Vorteil solcher Stoffe liegt sicherlich nach wie vor darin, dass sie aufgrund der szenischen Strukturen Teilnehmenden helfen, Spielideen zu entwickeln und damit die Ängste bei spielgehemmten Teilnehmenden leichter abgelegt werden können.
Stoffe aus den Psalmen, Profetenworte, Weissheitsprüche, Bildwort u.ä. liefern zwar keinen szenischen Rahmen, können jedoch auch genutzt werden, um zu den Symbolen und ihrem Bildgehalt eigene Szenen zu entwickeln.
Die Qualität bibliodramatischer Lernprozesse kann meines Erachtens am besten als eine Mischung beschrieben werden, in der sowohl intensive Spielabläufe und ruhende, verweilende Prozesse ihren Platz haben, als auch Arbeits- und Interaktionsformen verwendet werden, die eine vielfältige symbolgerechte Sprache möglich machen, welche den spielenden Menschen und ihren Erfahrungen und den biblischen Texten gerecht wird.
Seit den Anfängen der Bibliodramabewegung wird versucht, mit der historisch-kritischen Auslegung in einen Dialog zu treten. Dabei geht es vor allem darum, die im Spiel entwickelten Interpretationen mit denjenigen der historischen Forschung gegenzulesen und gegebenenfalls die eine oder andere Deutung zu korrigieren bzw. zu ergänzen. Die historischen Interpretationen werden zumeinst gegen Ende von Spielsequenzen einbezogen, da sie zu Anfang den erlebnisorientierten Zugang hemmen würden. Wolfgang Teichert formuliert das so: „Bibliodrama beginnt und endet mit dem Text.“

Einige Grundsätze für bibliodramatisches Arbeiten
Die bibliodramatischen Ansätze kennen kein fest umrissenes methodisches Repertoire. Jede Methode ist daran zu messen, inwieweit sie das Prinzip der Ganzheitlichkeit fördert oder behindert.
Gemeint ist hier die Integration der Ebenen des Erlebens und Verarbeitens dramatischer Textstrukturen: Körperlichkeit, Gefühle, Verstand, Interaktionen und Interpretationen. Sowohl gegenüber den nach wie vor einseitig rationalen Formen von Biblauslegung in Ausbildungsinstitutionen und gemeindlichen Praxisfeldern, möchte das Bibliodrama die Rezeption biblischer Texte durch körperliches und affektives Erleben erweitern. Die szenischen Interaktionen wollen das individuelle Erleben mit den kollektiven Erfahrungskontexten verknüpfen.

Für das Bibliodrama sind daher alle Methoden geeignet,

  • die helfen, einen literarisch übermittelten Stoff in Szene zu setzen
  • die die Wahrnehmung und den Ausdruck des körperlichen und seelischen Erlebens ermöglichen
  • die helfen, persönliche Erfahrungen und gruppendynamische Prozesse und deren Zusammenhänge mit dem biblischen Stoff zu reflektieren
  • die helfen, das eigene spontane und oder methodisch erarbeitete Textverständnis in Beziehung zu setzen zu anderen Auslegungen
  • die helfen, Elemente der Erfahrungen, die im Bibliodrama gemacht, bzw. die Möglichkeiten, die dort (wieder-)entdeckt wurden, zur Sprache zu bringen und in die jeweiligen Lebenskontexte ausserhalb der Bibliodramaarbeit zu integrieren.